10. Irreversibilität

Die Auswirkungen der Problembehandlung werden unumkehrbar. Sie können im Nachhinein weder korrigiert noch relativiert werden. Es gibt keinen Weg zurück. Die Effekte sind absolut und irreversibel.

Der Begriff »Irreversibilität« bedeutet Unumkehrbarkeit und entstammt ur­sprüng­lich den Natur­wissenschaften. Ein Prozess ist laut Max Planck in Ergänzung zu Clausius dann irreversibel, wenn der Ausgangszustand nicht dadurch her­gestellt werden kann, dass man den Prozess in um­gekehrter Richtung ablaufen lässt. Dabei seien nach späteren Erkenntnisse Reibungsverluste sowie die zeitliche Komponente, das Zeitliche stets irreversibel sei, zu vernachlässigen.

Der Begriff tritt aktuell zunehmend im Kontext der Ökologie auf. Dabei geht es um die Umweltschäden, die das menschliche Handeln im Zuge der Indus­trialisierung verursacht hat und weiterhin verursacht. Die Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzen­arten, die Zerstörung unserer Atmosphäre, Landschaften und Meere durch Schadstoff­ausstöße sowie die Ausbeutung endlicher Ressourcen sind in diesem Zusammenhang die großen Themen.

In der Forschung sowie in der Wirtschaft gibt es irreversible Felder. Die Kernenergie wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der festen Überzeugung eingeführt, dass die Akteure das Problem mit dem atomaren Müll bereits in einigen Jahren gelöst haben werden, was sich als schicksalhafter Trug­schluss herausstellte. Die Experimente der Gen­forschung erweitern mit heilvollen Versprechen, zum Beispiel den Welthunger einzudämmen oder Krankheiten besiegen zu können, die Grenze des Machbaren, ohne eine gesicherte Aussage darüber treffen zu können, was passiert, wenn sich beispiels­weise manipulierte Genpools mit natürlichen Genpools vermischen.

Unter dem Deckmantel des unaufhaltsamen Fortschritts haben die menschlichen Möglich­keiten an vielen Stellen längst die Grenze des Verantwortbaren überschritten. Die Konsequenzen übersteigen ihre Auffassungs­gabe. Die Akteure machen letztendlich das, was ihnen möglich ist.

Auf kommunikativer Ebene treten ebenfalls Irrever­sibilitäten auf. Die in den voran­gegangenen Stufen beschriebenen Verletzungen übersteigen die Toleranz­schwelle des betroffenen Akteurs so weit, dass es unmöglich wird, ein funktionierendes Kommunikationsgefüge aufrecht zu halten. Damit kann der Problemraum nicht gemeinsam weiter behandelt werden.

Räumlich — Der Raum wird zur Einbahn­straße, zu einer Art Tunnel, in dem es unmöglich ist, sich umzudrehen. Es gibt nur noch eine Richtung.
Zeitlich — Zeit ist immer irreversibel. Niemand kann die Vergangenheit rückgängig machen. Dieser Aspekt ist aber zu vernach­lässigen, da er unter die oben genannten Reibungsverluste fällt.
Sozial — Die Akteure tragen eine unglaublich hohe Verantwortung. Der gemeinsame Nenner der Akteure wird verschwindend klein. Die Fronten verhärten. Einzelne Akteure streben die Aus­differenzierung einer Weltanschauung mit fundamentalem Ausschließungscharakter an.
Sachlich — Die Auswirkungen der Aktionen sind unumkehrbar. Die Effekte wirken sich unwiderrufbar schädigend auf die Problem­umwelt aus.
Methode — Diese Stufe markiert das Ende der Gestaltbarkeit. Es geht nun vielmehr darum, den Problemraum derart zu transformieren, dass sich die Problemstufe verringert. Durch langfristiges und nachhaltiges Handeln können die Akteure
präventiv dazu beitragen, dass es nicht zu dieser Stufe kommt.

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11. Krieg
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