11. Krieg

Die Differenzen reißen auseinander und verlieren somit ihre bis dato bindende Kraft. Die Grundlage der gemeinsamen Problem­behandlung hinsichtlich einer konsens­orientierten Resolution weicht dem brutalen Durchsetzungswillen der eigenen Werte, fernab von diskursiven und sprachlich-kommuni­kativen Verfahren. Psychische und physische Gewalt soll die eigene Definitons­hoheit und Macht sichern und die Handlungs­fähigkeit der Anderen weitest­gehend einschränken.

Diese Stufe bedeutet das Ende der Verhandlungen. Kein Akteur ist mehr bereit für die seiner Logik nach absurden Ziele anderer Akteure, Zugeständnisse zu machen. Dennoch besteht aufgrund der wechsel­seitigen Vernetzung dieser unvereinbaren Realitäten ein hoher Grad an Abhängigkeit, die nun versucht wird mit Gewalt aufzulösen. Es bilden sich Fundamentalismen1 aus. Die Akteure setzen alle erdenklichen Mittel ein, um Raum für sich zu beanspruchen und so Ressourcen abzuschneiden. Psychische und physische Gewalt werden zur Durchsetzung der eigenen Definitionshoheit sowie zur rücksichtslosen Ausweitung der eigenen Macht eingesetzt. Die eigenlogischen Urteilsbegründungen werden jeweils zur absoluten Wahrheit auserkoren, um das jeweilige Handeln zu rechtfertigen. Diese Heiligung der Eigenwerte entbindet die Akteure von sozialen Verbindlichkeiten. Zusätzlich kommt es auf dieser Stufe zu der paradoxalen Situation, dass die Eigenwerte zur Sicherung ihrer Selbst in Frage gestellt werden müssen, wie in dem widersinnigen Beispiel des »Krieg für den Frieden«.

Die 11. Stufe ist nicht nur in den makro­sozialen Kontext zu verorten, sondern ebenso in kleinsten Kommunikations­gemeinschaften anzutreffen, wovon zahlreiche Rosenkriege in höchstdrama­tischen Scheidungsverfahren Zeugnis ablegen.

Räumlich — Es herrscht Krieg. Der Problem­raum wird brutal auseinander gerissen. Die Spuren der Gewalt sind unübersehbar. Jede Form der Aus­breitung wird als Angriff angesehen und mit allen Mitteln bekämpft. Die Dynamik, die auf die Akteure einwirkt, wird lebensbedrohlich. Es gilt nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Zeitlich — Siehe räumlich.
Sozial — Die gegenseitige Anschlussfähigkeit wird mit allen Mittel unterbunden. Informationen werden dementsprechend nicht weitergegeben oder sogar manipuliert.
Sachlich — Die Differenz wird künstlich be­seitigt und verliert so ihre konstitutive Kraft.
Methodisch — Wie 10. Stufe.

Nächstes Kapitel:
12. Vernichtung
11 Krieg
1. »Denkhaltung und Tathandlung, die ihre Einsicht aus höherer, nicht weiter ableitbarer Offenbarung bezieht und die prinzipielle Nichtidentität von intra- und extrapsychischen Vorgängen leugnet. Der typische Fundamentalist setzt die Anfangsbedingungen seines Handelns als Wahrheitswert, und von dort aus leitet er konsequent ab. Dabei kann der Wahrheitswert religiöser, ethisch- moralischer, politischer, wissenschaftlicher oder ästhe­tischer Natur sein, die Folge ist immer gleich: Ausdifferenzierung einer Weltanschauung mit programmatischem Ausschließlichkeitscharakter.« Stefan Asmus: »Fundamentalismus« in: Ästhetisches System, url: http://www.brock.uni-wuppertal.de/cgi-bin/echo.pl?vorlage =v_white_32&druck=Fundamentalismus (Stand 01.07.2012)