4. Unbekanntheit des Ziels

Auf der vierten Stufe ist das mögliche Ziel unbekannt. Dieser weiteren Öffnung des Problemraums steht lediglich die eigen­ständige Erschließung seitens der Akteure entgegen. Durch die Erschließung neuer Möglichkeiten in Abgrenzung zu den Unmöglich­keiten bekommt das Problem erstmalig eine gestalterische Relevanz.

Die Herausforderung der Akteure besteht sowohl in der Zielformulierung als auch in der Erschließung der adäquaten Mittel zur Erreichung dieses Ziels. Auf dieser Stufe ist anders als auf der 7. Stufe eine wider­spruchs­freie Behandlung des Problems möglich. Das heißt, dass die verursachten Effekte keine Folge­differenzen innerhalb, beispielsweise in Form sozialer Auseinander­setzungen innerhalb und außerhalb des Problemraums, nach sich ziehen. Dörner nennt die auf­tretende Differenz »Dialektische Synthese­barriere«1. Die Unbekanntheit des Ziels öffnet den Problemraum soweit, dass darüber hinaus Simons Bezeichnung »Ill-defined problem«2, zu deutsch schlecht definiertes Problem zutrifft.3

Aus gestalterischer Perspektive bietet diese Stufe die Möglichkeit einer weiteren Unter­teilung. Die Formulierung »Unbekanntheit des Ziels« macht keine Aussage über das mögliche Spektrum einer Ziel­efinition. Dabei bietet sich eine Unter­teilung in format­gebun­dene (Stufe 4a) und format­unge­bundene (Stufe 4b) Ziel­formulierungen an. Wenn die Problemdefinition das Format der möglichen Lösungsentwürfe impliziert, wird die Komplexi­tät des Problem­raums auf der einen Seite zwar von vorn herein reduziert, aller­dings bleibt dabei offen, ob diese format­gebundene Herangehensweise die besten Möglichkeiten generiert. Mir scheint, als ob sich Gestalter durch den dogmatischen Einsatz »Ihrer« Medienformate entsprechend ihrer Expertise, den Blick auf die neue Lösungsansätze bereits im Ansatz versperren. Es macht einen Unterschied, ob die Ziel­formulierung besagt, dass der Gestalter einen Flyer produzieren oder in einer formatoffenen Variante auf eine Veranstaltung aufmerksam machen soll. Bei beiden Fällen ist das Ziel aus gestalterischer Sicht unbekannt.

Die aufkommende gestalterische Relevanz erfordert einen reflexiven Schaffensprozess, in dessen Verlauf alternative Ziel­formu­lie­rungen in Kombination mit unter­schied­lichen Operatoren in rekursiven Schleifen hin­sichtlich festgelegter Kriterien überprüft und solange verworfen werden, bis die Differenz angemessen reduziert wurde. In dem Wechsel­spiel von Aufbau und Abbau von Komplexität sowie durch bewusste Selektion findet durch die Anpassung der Ziel­formu­lie­rungen eine Annäherung an mögliche Ziele statt. Dabei kann es durchaus sein, dass es eine Zielformulierung gibt, die das Problem insofern löst, als dass es reproduzierbar wird und somit für die Zukunft zur Aufgabe (Stufe 1).

Unklarheit des Ziels bedeutet bezüglich dieser Stufe allerdings noch nicht Ziel­offen­heit, da die Art der Problemformulierung den Rahmen einer möglichen Lösung bereits vorgibt. Man könnte sagen, sie gibt die Formatgrenzen vor, und beschränkt somit den Rahmen des Möglichen.

Räumlich — Im Teilraum der Zielformulierung findet eine drastische Vergrößerung statt, da sich der Raum hier nach außen hin öffnet.
Zeitlich — Aufkommender Zeitdruck kann zunehmend als negativer Stressor empfunden werden.
Sozial — Auf dieser Stufe ist die Chance auf soziale Emergenzeffekte am höchsten.
Sachlich — Auf dieser Stufe gilt es die nach bestimmten Kriterien richtungsweisend auf das eigens formulierte Ziel hin erkannten Möglich­keiten auszuwählen. Auf der Ebene der Ziele besteht nun erstmalig Selektions­zwang.
Methodisch — Die Komplexität kann auf dieser Stufe auf ein Maß ansteigen, das eine Unterteilung in Teilprobleme und Zwischen­ziele absolut not­wendig macht, um zwischenzeitliche Teilergebnisse evaluieren zu können. Das heißt, das nun bezüglich der Ausgangslage veränderte Verhältnis von Realität und Ziel zu analysieren und eventuell Mittel oder Ziel anzupassen. Der Umfang des Problem­raumes bleibt jedoch im gesamten Prozess evident und hält keine Unwägbar­keiten für die Akteure zurück.

Nächstes Kapitel:
5. Dissens
04 Unbekanntheit des Ziels
  • 1. Dörner beschreibt diese Differenz zwischen Realität und Ziel als dialektische Synthesebarriere. Dialektisch deswegen, da die Lösung solcher Probleme meist in einem dialektischen Prozess gefunden wird, in dem ein Vorschlag oder Entwurf für den Zielzustand auf äußere Wider­sprüche (Widersprüche des Entwurfs mit Sachverhalten außerhalb seiner selbst) oder innere Widersprüche (Widersprüche der Komponenten des Entwurfs zueinander) überprüft und entsprechend verändert wird.“ Vergl.: Dietrich Dörner: »Problemlösen als Informations­verarbeitung«, Stuttgart: Kohlhammer 1975, S. 13
  • 2. Vergl.: Herbert Simon »The Sciences of the Artificial.« Cambridge: MIT Press 1969
  • 3. »Die Einteilung eines Problems in ›gut definiert‹ und ›schlecht definiert‹ kann mit Hilfe der dialektischen Barriere erklärt werden. Ein Problem ist dann wohl definiert, wenn ein beliebiger Zustand als ein End­zustand bezeichnet werden kann, d.h. ein wohl definiertes Problem besitzt zumindest als Teilprozess eine dialektische Prozedur. Hingegen verlangen schlecht definierte Probleme zur Lösung die Konstruktion einer dialektischen Prozedur, d.h. sie muss erst gefunden werden. Die vorgegebenen Problemzustände und Transformationen zur Veränderung der Probleme sind somit schlecht definiert.« JasminaHasanbegovic: »Beratung im betrieblichen Bildungsmanagement«, Saarbrücken: Suedwest­deutscher Verlag für Hochschulschriften 2008