5. Dissens

Die Multiperspektivität mehrerer handelnder Akteure hinsichtlich einzusetzender Mittel und möglicher unbekannter Ziele erweitert den Problemraum um die soziale Dimension. Die Herausforderung dieser Stufe liegt in der Überwindung eines Dissens durch die kommunikative Vermittlung der unter­schiedlichen Anschauungen mit Hilfe diskur­siver und argumentativer Verfahren.

Während sich die Probleme bis dato lediglich durch sachliche Differenzen konstituierten,1 wird nun der Problemraum um soziale Differenzen erweitert. Diese Erweiterung ist grundlegend für den weiteren Komplexitäts­aufbau und nährt sich schlicht aus dem Phänomen, dass mehrere Menschen nur selten der gleichen Meinung sind. Was oberflächlich betrachtet einer unnötigen Verkomplizierung des Prozesses nahe gleicht, erweist bei näherer Betrachtung als eine unverzichtbare Erweiterung des Möglich­keiten­spektrum, hinsichtlich einer Verviel­fachung von Lösungsentwürfen. Die unter­schiedlichen Meinungen bilden demnach die Vielfalt ab, aus der die Akteure schöpfen können, um neue Ziel und Mittel
auszu­machen.

Räumlich — Der Raum beginnt sich aufzuspalten. Es werden Grenzen gezogen, die die trennenden Elemente verdeutlichen.
Zeitlich — Entstehende Dringlichkeiten können zum Auslöser sozialer Spannungen und auf­kommender Unruhe werden. Die Akteure können sich dem Zeitdruck aufgrund von Verbindlich­keiten teilweise nicht mehr entziehen.
Sachlich — Das Maß an Informations­überschuss macht erste Unterteilungen des Problems in Unterprobleme nötig und radikalere Selektionen notwendig.
Sozial — Mit den ersten sozialen Differenzen steigt die Komplexität des Problems erheblich. Es beginnen sich gleichgesinnte Akteure in Interessengruppen zu orga­nisieren. Eingehende Informationen werden aber selbstverständlich an andere weitergegeben.
Methodisch — Der methodische Schwer­punkt dieser Stufe liegt auf der Plausibilität der Urteils­begründung in Verbindung mit einer klaren Ableitungslogik. Dabei erhöhen offene Diskurse sowie eine gesunde Kommunikationskultur die Wahrscheinlichkeit der Vermittlung der unterschiedlichen internen Anschauungen hinsichtlich des Problemraums und somit auch die Chancen der Verständigung auf ein gemeinsames Ziel. Hierarchisch organisierte Selektions­strukturen bringen zwar auf der einen Seite Zeit- und Sicherheitsgewinn sowie eine eindeutige Klärung der Verantwort­lichkeiten, verringern dagegen auf der anderen Seite die Anzahl der Möglichkeiten und der potentiell nutzbaren Abweichungen. Erfahrungen sowie Erkenntnisse aus ver­gangenen Problemen lassen Analogien zu, die zur Lösung des Problems bei­tragen.

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6. Intransparenz der Quellen
05 Dissens
  • 1. Vergl.: Dietrich Dörner: »Problemlösen als Informationsverarbeitung«, Stuttgart: Kohlhammer 1975, S. 13