6. Intransparenz der Quellen

Die Komplexität des Problemraums erzwingt unscharfe Selektionen in Form von »Sowohl-als-auch-Distinktionen«. Problemräume entwickeln Emergenzen auf der Basis von Vernetzungs­dynamiken und verhindern ein Erschließen von Gesamtzusammenhängen. Der damit verbundene Selektionsdruck zwingt die handelnden Akteure zur Einnahme sich wechselseitig ausschließender Stand­punkte und Perspektiven. Die Akteure wissen nicht mehr, welche Möglichkeiten sie durch ihre Selektivität unberücksichtigt lassen.

Permanent dringen Informationen in den Problemraum. Die Akteure können lediglich die Herkunft einiger weniger Informationen eindeutig bestimmen. Es zeigen sich erste Überschneidungen mit anderen Problem­räumen. Die Akteure sind damit beschäftigt, innerhalb dieses Chaos die Orientierung zu behalten sowie durch Selektionen das Ausmaß des Problem­raumes auf einer für sie zu bewältigenden Größe zu halten. Die Selektion und den damit verbundenen Ausschluss des Nicht-Selektierten bedeutet stets eine Stand­punkt­wahl des Akteurs.

Diese Überforderung der Akteure führt Baecker auf das Übermaß an Möglichkeiten zurück, die der Computer bietet. Unsere Kulturform sei zur Zeit in einer Übergangs­phase, in der die Strukturen, die sich aus dem Aufkommen des Buchdrucks ergaben nicht mehr funktionieren und durch neue abgelöst werden. Die Gesellschaft befindet sich gerade auf der Suche nach einer Antwort auf die permanente Informations- und Kommunika­tionsflut. Das zeigt sich in aktuellen Themen wie dem Umgang mit der ständigen Erreichbarkeit und E-Mailfluten auf der individuellen Ebene sowie in der Not­wendig­keit nach immer effizienteren Filtersystemen und Suchsystemen auf der informa­tions­technologischen Ebene.

Räumlich — Es zieht Nebel auf im Problem­raum. Der Raum ist unübersichtlich und damit markiert die Stufe das Ende der Evidenz.1 Unzählige Vernetzungs­möglich­keiten bieten ein Übermaß an Anschlüssen, die in der Masse einer Informations­flut gleichkommen.
Zeitlich — Aufkommende Dynamik versetzt die Beteiligten in Unruhe. Die Sichtung aller Quellen ist unmöglich, da in gleicher Zeit neue Infor­ma­tionen produziert werden und sich die Menge der Gesamtinformation trotz Selektion permanent erhöht. Ein Ende ist absehbar oder kann leicht künstlich erzeugt werden.
Sozial — Die Informationsvielfalt ist mitunter Aus­löser sozialer Spannungen, da sich die Akteure nicht über die Art der Selektion einigen können.
Sachlich — Die Verarbeitung aller Informa­tionen ist nicht mehr möglich. Die Menge der zu ver­arbeitenden Informationen muss mittels Selektion reduziert werden. Es ist nicht klar, ob die Akteure zielführende Quellen einbeziehen. Das Risiko, dass die Akteure das Ziel verfehlen, erhöht sich, ebenso wie die Chance auf Überraschungen. Aufgrund der Selektivität sindnur Näherungs­lösungen, also Komperativlösungen möglich. Das heißt die vollständige Kongruenz von Realität und Zielzustand wird zum unerreich­baren Ideal­zustand, der nur noch der Orientierung dient.
Methodisch — Ausschließlich Selektion macht die Menge an Informationen be­handel­bar. Wobei Buchdruckstrukturen zur Reduzierung der Komplexität nur noch bedingt ausreichen, um eine sinnvolle Selektion zu treffen. Das Übermaß an Informationen macht erste Unterteilungen des Problems in Unterprobleme nötig.

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7. Polytelie
06 Intransparenz der Quellen
  • 1. »Von Evidenz kann man sprechen, wenn etwas unter Ausschluss von Alternativen einleuchtet. Wichtig ist, dass punktuelle Bestätigungen dieser Art keineswegs zur Akzeptanz komplexer Kommunikation zwingen.« , Niklas Luhmann: »Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde« Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, S. 548