7. Polytelie

Polytelie bedeutet das Auftreten mehrerer möglicher Ziele, die jedoch einzeln betrachtet nicht nur im Widerspruch stehen, sondern sich sogar ausschließen. Die Plausibilität des Lösungsentwurfes kann nur aus der jeweiligen Eigenlogik gerechtfertigt werden. Es ist unmöglich, die divergenten Realitäts- und Zielanschauungen aller Akteure zu berück­sichtigen und in einem Lösungs­entwurf miteinander zu vereinen. Diejenige Lösung, die für den einen eine Annäherung von Realität und Ziel darstellt, bedeutet für den anderen eine Vergrößerung dieser Diskrepanz, also aus seiner Sicht eine Verschlechterung seiner Wirklichkeit. Jede Entscheidung wird damit schmerzhaft und muss dennoch getroffen werden, um den Dingen einen Platz in der Welt zuzuweisen. Teleologische Lösungs­verfahren, die dagegen die Dinge nach einer ihnen scheinbar imma­nenten Ordnung zu sortieren versuchen, stoßen ab Stufe 7 an ihre Grenzen. Es geht daher vielmehr darum, die bestmögliche Einigung zu erzielen. Gängige Kategorien wie richtig oder falsch gehören der Vergangen­heit an. Die Akteure können beispielsweise die Frage nach der Mehrheits­fähigkeit in der Gestaltung in den jeweils plausiblen Varianten beantworten:

Gestaltung ist…

  1. …mehrheitsfähig, indem sie die Kompetenzenvieler nutzt und sie teilhaben lässt. Sie weiß die so entstehenden Emergenzeffekte und Überrraschungen zu nutzen, um folglich als Kollektivprodukt gemeinsame Zustimmung zu finden.
  2.  …nicht mehrheitsfähig und braucht daher hierarchisierte Strukturen und Experten, die die Zügel in die Hand nehmen, die Dinge ordnen, bestimmen und kontrol­lieren. Viele Leute verwaschen das Ergebnis.
  3. …ne tolle Sache, nur das ganze Gelaber geht mir auf die Nerven.

 

Das Ungeheuer hat die Bühne der Welt betreten und sogleich das Absolute in sich aufgesogen. Nun sitzt es triumphierend auf dem Thron einer mehrwertigen Logik und amüsiert sich über unsere Orientierungs­losigkeit. Mit dem Abschied von der aristotelischen Idee des Telos1, als der den Dingen immanenten Daseinszweck, dessen Form es zu vollenden gilt, verliert auch der Mensch samt seiner Umwelt seinen vor­geschriebenen Platz in der Welt. Wahrheit wird zu einer verhandelbaren Instanz und bis anhin verbindliche Werte verlieren vollends ihren Geltungsanspruch. Die eine Welt zerbricht in viele und das stabile Gefüge eines substanziellen Urgrunds, der alles zusam­men­hält gerät ins Wanken. Das Absolute als eine Orientierungshilfe geht verloren. Mit dem Ende der Teleonomie gibt es »…keine Gesamtformel des Guten und Richtigen mehr…«2, keine zentrale Steuerungsinstanz der Welt.

Den letzten großen Meilenstein auf diesem Weg legte Gotthard Günther. Er erweiterte mit seiner transklassischen Logik die klassische Zweiwertigkeit um das bis dato ausgeschlossene Dritte, also um die Unter­scheidung der Einheit einer Differenz und verweist so auf die Bedeutung des Beob­achters in der Konstitution von Wirklichkeit. »Die Idee des Du ist also ein konstitutives und solcherart unauf­lösliches Element aller Selbstreflexion.«3 Beobachten, als Unter­scheiden und Bezeichnen der einen oder anderen Seite der Unterscheidung, ist eine Bewusstseinsleistung und nach Günther Bedingung für die Erfahrung von Realität. Allerdings ist es unmöglich eine eindeutige Aussage über die für das Bewusstsein außenliegende Wirklichkeit zu treffen. Die ästhetische Differenz,4 die Nicht-Identität von Bewusstsein und Außenwelt, macht den direkten Zugriff auf die Realität unmöglich, so dass es auch stets gilt, eine Vermittlungs­leistung zu erbringen. Diese Vermittlung vollzieht sich zum einen bezüglich der Differenz zwischen Realität und Erlebtem und zum anderen bezüglich der Differenz zwischen den unterschiedlichen Anschau­ungs­modellen der Akteure. Gemeinsame Bezugspunkte zur Außenwelt ergeben sich erstaunlicherweise ausschließlich durch die Beobachtung der Beobachtungen anderer Beobachter, der sogenannten Beobachtung zweiter Ordnung. Jede Realitätsbeobachtung ist demnach an Bedingungen und an vorangegangene Beobachtungen geknüpft. Diese Beobachtungskette kann allerdings nicht bis zu ihrem Ursprung zurückgeführt werden, beziehungsweise sie führt uns in die paradoxalen Landschaften unbeobachtbarer Identitäten, wie wir sie auch in Cusanus’ »Coincidentia Oppositorum«5 antreffen. Die jeweilige Primärunterscheidung als Voraus­setzung aller weiteren Unterscheidungen bleibt somit im Dunkeln verborgen und mit ihr unsere eigene Bedingtheit. Wir können demnach nicht wissen, was die Voraus­setzungen unserer Unter­scheidungen sind, was uns letztendlich alle eindimensionalen Ableitungslogiken in Frage stellt und den Zugang zu einer allgemeingültigen Wahrheit verwehrt.6

Mit der 7. Stufe erfährt die ungeheure Form auf der sozialen Ebene einen regelrechten Wachstumsschub. Die Akteure haben es nun nicht mehr mit der Einfachheit einer zwei­wertigen Logik zu tun. Stattdessen gehen sie mit Mehrwertigkeiten um, die auf eigen­logische Konstruktionen und relative Maß­stäbe verweisen. Die enorme Vielfalt der Anschauungen führt in unterschiedlichste, sehr dynamische Problemräume und zu einer enormen Diversifikation polytelischer Möglichkeitsformulierungen, die dazu neigen sich gegenseitig abzustoßen oder auszu­schließen. Die Unvereinbarkeit dieser Parallellogiken lassen starke Konflikte aufkommen, da Entscheidungen zugunsten der einen Möglichkeit immer mit schmerz­haften Einschnitten anderer einhergehen. Der Problembehandlungs­prozess wird daher zur Wertediskussion, in der es in erster Linie um die Sicherung der eigenen Definitionshoheit geht. Jeder Versuch, den eigenen Entwurf ohne Einschnitte durchzusetzen, ist mit der Verletzung des Problemraums anderer Akteure verbunden. Wenn sich die Akteure gegenseitig in die Räume integrieren wollen, müssen sie Opfer bringen und Einschnitte ertragen. Ziel des Prozesses ist, zumindest solange wir von humanistisch-idealisierten Gemeinschaften sprechen, ein möglichst hohes Maß an Zufriedenheit aller Beteiligten anzustreben.

Die Unvereinbarkeit von Parallellogiken lassen lediglich Kompromisslösungen zu. Die ein­deutige Lösung, die Solution, wird durch die Lösungseinigung, die Resolution, ersetzt. Absolute Werte wie »richtig« oder »falsch« werden durch relative Werte wie »besser«, »schlechter« oder »weder-noch« ersetzt. Die Kriterien zur Validierung erfahren somit einen Wandel von eindeutig bestimmbaren Effizienz­parametern hin zu schwerer evaluier­baren Suffizienz­parametern, sprich zur Zufriedenheit.

Umso undurchsichtiger der Problemraum wird, desto wichtiger wird es für jeden einzelnen Akteur, einen klaren Standpunkt zu beziehen, Gleichgesinnte zu finden und sich in Interessen­gruppen zu organisieren, um der eigenen, bestenfalls plausiblen Argumen­tations­logik, mehr Gewicht zu verleihen. Die Urteilsbegründung sowie die Qualität der Vermittlungsleistung sind von größter Bedeutung, wenn es darum geht, andere Akteure vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Was auf den ersten Blick durch das Ausmaß der Verhandlungen wie eine zähe Ver­zögerung des Lösungsprozesses aussieht, erweist sich dagegen bei näherer Betrach­tung als stetige Annäherung an den Problem­raum selbst, indem sich eine pluralistische Gesellschaft ausdifferenziert und das Problem begreifbarer wird. Der »Gesamt­organismus Gesellschaft« vollzieht auf diese Weise im instabilen Modus permanenter Veränderungen und Anpassung seine wertekonfigurative Funktion.

Die Behandlungsmethode verändert sich somit auf der 7. Stufe grundlegend. Der Schwerpunkt liegt noch stärker auf der diskursiven Vermittlung unterschiedlicher Anschauungen, nur dass nun anders als auf der 4. Stufe aufgrund der Plausibilität der Urteilsbegründung der jeweiligen Konstruk­tion, unter der Prämisse einer Einbeziehung anderer Akteure, keine ausschließliche Entscheidung für eine einzige Möglichkeiten getroffen werden kann. Die Notwendigkeit einer konfliktbehafteten Aus­einandersetzung ist damit verbindendes wie auch trennendes Element gleichermaßen. Es geht darum, den hypothetischen Charakter jedes Entwurfs sowie die Relativität der eigenlogischen Anschauung zu erkennen und demnach die andere Möglichkeit als grundsätzlich gleich­wertig zu behandeln. Die Kunst besteht im Vollzug einer plausiblen Selektion im Wissen, dass man mit ihr höchstwahrscheinlich falsch liegt.

Die Validitätsparameter werden von Effizienz- auf schwer evaluierbare Suffizienzkriterien umgestellt. Der Schwerpunkt liegt noch stärker auf der diskursiven Vermittlung unterschiedlicher Anschauungen. Teleo­logische Lösungsverfahren, die dagegen die Dinge nach einer ihnen scheinbar imma­nenten Ordnung zu sortieren versuchen, stoßen ab der 7. Stufe an ihre Grenzen. Umso ausschlaggebender wird prototypisches Handeln. Konfliktbehaftete Auseinander­setzungen sind konstitutive Bedingung für ein Voranschreiten. In diesen Auseinander­setzungen wird ein eindeutiger Standpunkt­bezug unabdingbar. Probleme der 7. Stufe sind nur noch bedingt bis nicht algorithmi­sier­bar, da die sozialen Kontingenzen untereinander und in Bezug auf Algorithmen eingeschränkt bis gar nicht kommensurabel sind. Die Einzigartigkeit jeder Problem­zusammensetzung macht die Analogie­bildung zu vorherigen Problemen unmöglich. Das heißt, dass bestehende Erfahrungen nicht auf das eigentliche Problem ange­wendet werden können, sondern lediglich auf die Beschaffen­heit des Problem­raums im Allgemeinen.

Die Herausforderung für die Akteure besteht darin die nicht gewählten Selektionen, ich nenne sie Schattenselektionen, durch ein reflexives Verfahren ins eigene Kalkül mit einzubeziehen. Maßgeblich für die Qualität der Aktion wird nun die Begründbarkeit der Selektion.Die Akteure stehen vor der Heraus­forderung, die vermittelten Anschau­ungen der Beteiligten als potenzielle Möglichkeiten in das eigene Kalkül zu inte­grieren und so neben der bereits vollzogenen Entscheidung mitzuführen. Sie befinden sich permanent im Modus der Selbstbeobachtung zweiter Ordnung, und auf der Ebene der Beob­ach­tung von Entscheidungs­zusammen­hängen. Zudem geht es darum, die Relativität der eigenen Anschauung zu erkennen, selbst wenn diese sich uns als Wahrheit verkleidet anbiedert.

Räumlich — Der Raum besteht aus un­zähligen verschachtelten Sphären, die im gleichen Maße ineinander verschränkt sind, wie sie sich voneinander abgrenzen. Die Sphären sind in ständiger Bewegung, was klare Ordnungsprinzipien und Systematiken zur exakten Beschreibung gänzlich unmöglich macht. Die Unschärfe macht eine klare Orientierung nahezu unmöglich. Anschlüsse werden lediglich durch Modellhaftigkeit erzeugt.
Zeitlich — Diskursive Vermittlungs- und Argumentationsverfahren sowie Orientierungs­prozesse kosten Zeit, die nur selten zur Verfügung steht.
Sozial — Auf dieser Stufe vollzieht sich jedewede Aus­diffenzierung pluralistischer Kommunikations­gemeinschaften mit all ihren Potentialen und Schwierigkeiten. Die Unvereinbarkeit der Parallellogiken macht alle notwendigen Entscheidungen schmerzhaft. Kompromiss­lösungen lassen zudem Unmut unter den Akteuren aufkommen.
Sachlich — Polytelische Problemräume verhindern die Eindeutigkeit eines einzigen Lösungs­verfahrens. Aufgrund der Mehr­deutigkeit der Werte ist eine voll­ständige Nivellierung der Problem­differenz ausgeschlossen. Es geht vielmehr um die bestmögliche Verringerung der Problem­differenz, im Sinne einer Komperativ­lösung. Das Problem kann nicht mehr in seine Einzelteile zerteilt werden.
Methodisch — Suffizienz ersetzt die Effizienz, was das Ende teleo­nomischer Lösungs­verfahren bedeutet. Vermittlung in Ver­bindung mit dem Mut zum prototypischen Entscheiden werden die wichtigsten Merkmale der Problemhandlung. Konflikt­behaftete Differenzen sind die konstitutive Bedingung für ein Voranschreiten. Die Komplexität sozialer Ereignisse ist nicht im Ansatz informations­technisch zu erfassen und macht algorithmische Verfahren zunehmend unbrauchbar. Die Heraus­forderung für die Akteure liegt in Fortführung der eigenen Handlungs­fähigkeit trotz Relativierung der eigenen Werte unter Einbeziehung des kontingent Möglichen. Es geht darum, Schatten­selektionen mitzu­führen und im entscheidenden Moment für sich nutzbar zu machen.

Nächstes Kapitel:
8. Fluidizität der Effekte
07 Polytelie
  • 1. »Dann bekommt man es mit Fundamentalismen zu tun, die die schöne Idee des Aristoteles, nach der alles in der Gesellschaft seinen ihm angemessenen Platz (sein telos) hat, in Über­ein­stimmung mit der Seele des Individuums, der Gerechtigkeit der Stadt und der Harmonie des Kosmos, auf Verhältnisse anwenden, die in ihrer Sozial-, Sach, und Zeitdynamik so nicht mehr abgebildet werden können.« Dirk Baecker: »Studien zur nächsten Gesellschaft«, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 12
  • 2. Niklas Luhmann: »Soziale Systeme, Grundriss einer allgemeinen Theorie«, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987, S. 134. Siehe auch S. 69 und S. 641, in: Stefan Asmus: url: http://www.brock.uni-wuppertal.de­/cgi-bin/echo.pl?vorlage=v_white_32&druck
    =Selbstreferenz (Stand: 01.01.2012)
  • 3. Vergl.: Gotthard Günther: »Metaphysik der Institutionen« Anmerkung_evgo: Es handelt sich hier um überarbeitete Version des Textes, der von Gernot Brehm aus dem Nachlass von Gotthard Günther (Staatsbibliothek, Handschriftenabteilung, Berlin) abge­schrieben wurde (Version März 2008). url: http://userpage.­fu-berlin.de­/~gerbrehm/GG_Institution.pdf (Stand: 01.01.2012)
  • 4. Bazon Brock: »Angestoßen durch die Eccles/Popper-Debatte von 1975 über die Frage, ob Geist unverkörpert postuliert werden kann, definierte Brock als ästhetische Differenz das Verhältnis von intrapsychischen Prozessen (Denken, Fühlen, Vorstellen, Wollen) und deren sprachlicher Vergegenständlichung in Wort- und Bildsprachen. Das herkömmliche Ver­ständnis der Ästhetik als Lehre vom Schönen in der sinnlichen Wahrnehmung wurde damit zu einem Spezialfall der Relation von Bewusstsein und Sprache. Bekanntlich lässt sich aber durch Lügen eine willkürliche Koppelung von Bewusstsein und Sprache erzeugen – dies definiert Brock als ethische Differenz.« url: http://www.bazonbrock.de/bazonbrock/­
    biographie/aesthetik/ (Stand: 01.07.2012)
  • 5. siehe X. Stufe
  • 6. Stefan Asmus im Gespräch