8. Fluidizität der Effekte

Die Effekte des Entwurfs verlassen den Problemraum, verflüssigen sich und sickern auf diesem Weg in neue Kontexte ein. Die Akteure verlieren die Kontrolle und die Effekte tauchen unvorher­gesehen in anderen Zusammenhängen wieder auf. Insbesondere als Phänomen in den sogenannten neuen Medien führt dies zu spontanen Über­raschungen und unverhofften Kontextuali­sierungen, die außerhalb des Einfluss­bereichs der Akteure liegen. Die Problemform bekommt eine ungeheure Eigendynamik, die sich losgelöst von den Akteuren unabhängig weiterentwickelt und verändert. Das hat zur Folge, dass sich die Entwürfe wenn über­haupt nur mit großer Zeit validieren lassen, da das Verhältnis von Aktion und Auswirkung zunehmend unscharf wird.

Ein historisches Beispiel für diesen Problem­raum ist das Kindsbettfieber. Dabei handelt es sich um eine postnatale Infektions­krankheit, die mitunter tödlich endet. Die Krankheit trat über Jahrhunderte in Folge von traditionell-häuslicher Entbindung relativ selten auf, um dann im 17. Jahrhundert mit dem Bau von Hospitalen vermehrt in Erscheinung zu treten. Teilweise starben bis zu zwei Drittel aller Wöchnerinnen an dieser iatrogenen Infektion.1

Ursache dafür war die Verschleppung der Erreger durch das klinische Fachpersonal. Unwissend über die Bedeutung einer gründlichen Desinfektion gelangten so Keime von anderen Krankenhaus­patienten und Leichen in die Organismen der Wöchne­rinnen, die daraufhin erkrankten. Dieses Beispiel zeigt wie eine vermeintliche Qualitätsverbesserung einer Situation durch die Intrans­parenz der Auswirkungen weitere Probleme ver­ursachen und so verheerende Folgen nach sich ziehen kann.

Auch wenn die 8. Stufe nicht ausschließlich neue Medien zum Thema hat, nahm die Intransparenz der Auswirkungen von Behandlungsaktionen durch die Einführung des Computers erheblich zu. Zwar gestattet der Computer auf der einen Seite einen komfortablen und schnellen Informations­ausstauch, der eigentlich derart verheerende Folgen einer Problembehandlung vermeiden sollte. Auf deranderen Seite birgt der Computer eben aufgrund dieser neuen Möglichkeiten ein enormes Problempotential in sich. Die Wahrscheinlichkeit einer Verflüssigung der Effekte steigt um eine Vielfaches an, da die Informationen, wenn sie erst einmal in digitalisierter Form vorliegen, im Zuge ihrer uneingeschränkten Reproduzierbarkeit und ihrer Fähigkeit Raumdistanzen in Echtzeit zu überwinden, entdinglichen und somit nicht mehr an Ort, Zeit, und Anzahl gebunden sind. Das Internet ist scheinbar grenzenlos und so auch die Auswirkungen, der in ihm vollzogenen Aktionen. Im Internet werden Ereignisse werden entdinglicht und entgrenzt. Bereits im Moment, in dem die Akteure die Informationen ins Internet laden, liegen sie nicht mehr im Einflussbereich. Zwar liegen sie scheinbar – das kann dem Computer entnommen werden – auf der Plattform, auf die der Akteur die Daten geladen hat, jedoch entzieht es sich seiner Kenntnis, wo dieser Ort tatsächlich ist. Unter Umständen sind es sogar mehrere Orte, an denen die Daten gespeichert werden, was bedeutet, dass sich die Daten bereits vervielfältigt haben. Dabei stellt sich die Frage, wer die Daten einsehen kann. Nur Teilnehmer der Plattform, die die Daten speichern und in neue Kontexte setzen können oder auch die Serverbe­treiber? Was passiert wenn die Plattform den Besitzer wechseln, wechseln dann auch die Daten den Besitzer? Wenn die Akteure die Daten löschen, können sie dann überprüfen, ob die Daten wirklich gelöscht sind?

Unabhängig vom Stand der aktuellen Datenschutzdebatten, bietet der vernetzte Computer einen idealen Nährboden für nicht intendierte Wirkungszusammenhänge. Angefangen beim inzwischen alltäglichen Shitstorm, bei der aufgebrachte Internet­nutzer ihr letztes Quäntchen Wirkmächtigkeit unter Beweis zu stellen versuchen, über Geburtstagseinladungen, die über www.facebook.com eine ungeheure Eigen­dynamik bekamen, die eine Intervention seitens der Polizei2 notwendig machte bis hin zu angestoßenen Revolutionen im arabischen Frühling.

Räumlich — Der Raum wächst stark zu allen Seiten. Darüber hinaus beginnt er sich zu bewegen. Überall sind Vernetzungen zu erkennen, die auftauchen und wieder verschwinden. Bei dieser schwindel­erregenden Eigendynamik, ist es unmöglich den Überblick zu behalten.
Zeitlich — Die Ereignisse überschlagen sich. Der chronische Zeitmangel führt zu unüber­leg­ten Ad-Hoc-Handlungen, die nicht unbedingt ziel­führend sind, wohl aber Zufälle produzieren, die es zu erkennen und zu nutzen gilt.
Sozial — Dekontextuierte Effekte können zu un­beabsichtigten sozialen Konflikten führen. So werden neue Akteure zusammengeführt, die bis dato nichts mit dem Problem zu tun hatten und sich nun miteinander ausein­ander­setzen müssen. Informationen können teilweise ungewollt einem weltweitem Publikum präsentiert werden.
Sachlich — Die mit dem Entwurf produzierten Informationen verselbstständigen sich. Die Effekte können nicht mehr in der vollen Gänze der Aktion zugeschrieben werden. Dementsprechend lassen sich die Aktionen nicht mehr validieren. Durch das hohe Maß an Vernetzungen gelangen Informationen aus dem Raum hinaus und wiederum neue kommen hinein. Die Problemdifferenz weitet sich mit jeder Aktion. Es findet kaum eine merkliche Annäherung von Realität und Ziel statt.
Methodisch — Die Akteure haben ganze Teile des Problemraums nicht mehr unter Kontrolle. Die Fluidizität der Effekte macht eine Vorwegnahme der Ergebnisse nahezu unmöglich. Da die Akteure die Konsequenzen der Entwürfe nicht mehr abschätzen können, arbeiten sie bewusst oder unbewusst ins Ungewisse hinein. Selbst wenn sich positive Effekte einstellen, liegt die Tragweite der Nebeneffekte im Dunkeln.

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9. Selbstreferenz
08 Fluidizitaet der Effekte
  • 1. Siehe: Dagfinn Føllesdal / Lars Walløe; Jon Elster: »Rationale Argumentation. Ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie.«, Walter de Gruyter: Berlin / New York 1988, S. 54—60
  • 2. »›Thessa!‹ — Facebook-Nutzer rocken und randalieren« url: http://www.welt.de/vermischtes/article13412347/Thessa-Facebook-Nutzer-rocken-und-randalieren.html, url: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/facebook-party-festnahmen-und-verwuestungen-bei-thessas-feier-a-766576.html (Stand: 01.07.12)