9. Selbstreferenz

Jeder Lösungsentwurf verändert die Ausgangs­lage des Problems grundlegend. Die Akteure sind somit in Folge jeder Aktion einer unbekannten Situation ausgesetzt, die sie wieder von Neuem beginnen lässt. Das Problem lässt sich somit nicht mehr beenden. Es ist infinalisierbar. Es handelt sich um eine paradoxale Form, die die Akteure in akuten Handlungszwang versetzt. Im Modus der permanenten Krise hinsichtlich der provo­zierten Reaktionen fordert dieses Ungeheuer bereits nächste Entwürfe ein. Infolgedessen geraten sie in eine Endlos­schleife, in der es keine definitive Problem­formulierung geben kann bis eine Behand­lungs­methode gefunden wird. Für die Akteure entspricht die Problem­formulierung dem Problem selbst.

Auf der 9. Stufe sind alle Kriterien von Rittel und Webbers »bösartigen« Problemen erfüllt. Lösung und Problemdefinition bedingen sich gegenseitig, was nun vollends das Ende linearer Behandlungsstrategien bedeutet. »Der Prozess der Problem­formulierung und der, sich die Lösung aus­zudenken, sind identisch, da jede Spezifizierung des Problems eine Spezifizierung der Richtung ist, in der man sich eine Behandlung des Problems vorstellt.«1 Rittel verdeutlicht das Dilemma sozialpolitischer Gestaltungs­prozesse an folgendem Beispiel: »Wenn wir mangelnde Dienstleistung für geistige Gesundheit als Teil des Problems erkennen, dann ist […] die Verbesserung der Dienst­leistung für geistige Gesundheit eine Spezifizierung der Lösung. Wenn wir, als nächsten Schritt, das Fehlen von Gemein­schafts­zentren als Mangel im Dienst­leistung­system für geistige Gesundheit feststellen, dann ist die nächste Lösungsspezifizierung das ›Schaffen von Gemeinschafts­zentren‹. Wenn die Behandlung innerhalb der Gemeinschafts­zentren inadäquat ist, dann kann die verbesserte Therapiebildung des Personals der Lösungsansatz sein usw.«2 Die Problemdefinition wird zum Problem selbst. Soziale Probleme können nicht gelöst werden. Sie sind ständig im Wandel und verändern sich im gleichen Tempo wie die Gesellschaft. Dementsprechend müssen die Akteure ihre Problem­definitionen immer wieder aufs neue anpassen.3 Das Problem wird damit infinalisierbar. Dementsprechend muss der Endpunkt der Behandlung künstlich gesetzt werden. Zudem haben die Akteure lediglich einen einzigen Versuch den Lösungsansatz durchzu­führen, da die Auswirkungen den Problemraum derart grundlegend verändern, dass die neue Ausgangslage der Behandlung eine vollkommen neue Herangehensweise abverlangt.4

Räumlich — Durch die Wucht der Rück­kopplungseffekte nimmt der Raum große Mengen an Energie auf, die sich mitunter willkürlich entlädt. Unkontrollierte Auswüchse sind die Folge.
Zeitlich — Der Prozess wird infinalisierbar. Das Problem bestimmt nun schlussendlich das Tempo.
Sozial — Die Kommunikationen schaukeln sich auf, kreisen in iterativen Schleifen um sich selbst (Selbstreferenz) und tragen somit zur Destabili­sierung des Gefüges bei.
Sachlich — »Das Problem kann nicht definiert werden, ehe die Lösung gefunden wurde.«5 Das Problem beginnt sich selbst unabhängig von den Akteuren weiter zu entwickeln. Die in der 8. Stufe entfleuchten Effekte wirken nun unkontrollierbar und unvorhersehbar auf den Problemraum zurück. Dies kann sehr schnell oder mit sehr großer Zeit­verzögerung geschehen, was eine eindeutige Zuordnung erschwert beziehungsweise unmöglich macht. Die Lösung wird zum Problem.
Methodisch — Zusätzlich zu den Problem­elementen müssen die Akteure eine Stopp­regel formulieren, um die Behandlung künstlich zu beenden. Sie laufen ständig Gefahr, sich in den Rückkopplungen zu verstricken. Es geht nicht mehr darum, die Probleme zu lösen, sondern sie irgendwie in Schach zu halten, um sie auf diese Weise weiter behandeln zu können, und die unkontrollierte Ausbreitung einzudämmen.
Es geht darum Zeit zu gewinnen.

Nächstes Kapitel:
10. Irreversibilität
09 Selbstreferenz
  • 1. Horst Rittel / Melvin Webber: »Dilemmas in a General Theory of Planning« Stuttgart 1972 in: »Planen, Entwerfen, Design«, Stuttgart: Verlag Kohlhammer 1992, S. 30
  • 2. ebd.
  • 3. Ein möglicher Grund, warum soziale Probleme bei Gestaltern so furchtbar unpopulär sind.
  • 4. Vergl.: »one-shot-operation« bei: Horst Rittel / Melvin Webber: »Dilemmas in a General Theory of Planning« Stuttgart 1972 in: »Planen, Entwerfen, Design«, Stuttgart: Verlag Kohlhammer 1992, S. 30
  • 5. ebd.