X. Coincidentia Oppositorum

Jenseits aller Unterschiede fehlt die für das Leben und damit für Probleme konstitutive Differenz zwischen Realität und Zielzustand. Absichtslos und fern allen Strebens ist die Welt in ihrer vollkommenen Identität erstarrt.

Vor dem Anfang war kein Wort. Stufe X beschreibt den utopischen Weltzustand ohne Unterscheidung. Es ist ein Zustand der absoluten Differenzlosigkeit, in der es nur Welt1 als das eine Ganze gibt. Dieses eine Ganze ist wiederum unbeobachtbar, da es weder einen Beobachter geben kann, der als solcher unterscheidbar wäre, noch eine Umwelt, von der er unterschieden werden könnte. Es gibt keine Form und daher kein Medium; kein Medium und daher keine Form.2 Signifikant und Signifikat sind sowohl mit sich selbst als auch mit ihrer Umwelt identisch. Es gibt keine Zeit, keinen Raum, keine Relationen, keinen Sinn und keine Intentionen. Alle Dichotomien sind durch sich selbst aufgelöst. Yin und Yang bilden eine Einheit in einer kontur- und trägerlosen Kreisfläche, die weder schwarz noch weiß, noch andersfarbig sein kann. Eva hat noch nicht vom Apfel gekostet und lebt eins mit Adam urerleuchtet im paradiesischen Nirvana der äußersten Einfachheit. Im Einklang aller Zustände gibt es alles und gleichzeitig nichts; ein uferloser Teich des Möglichen und zugleich Unmöglichen, in dem es keinerlei Probleme gibt, da eine für Probleme konstitutive Differenz fehlt.

Die Vorstellung der Nicht-Differenzialität geht auf Nikolaus von Kues’ »Coincidentia oppositorum« zurück, dem Zusammenfall der Gegensätze, einem aus seiner Sicht erstrebenswerten Geisteszustand möglicher Göttlichkeitserfahrung. Als Theologe und Mathematiker beschreibt er diese Einheit als eine unendliche Gerade, die nicht nur Gerade ist, sondern zugleich auch ein Dreieck, dessen Grundseite unendlich lang und die zugehörige Höhe unendlich klein geworden ist; der größte Winkel (180°) erscheint zugleich als der kleinste (0°). Ebenso ist die Gerade auch ein Kreis mit unendlich großem Durchmesser.3 Von Kues’ hat die Idee der »Coincidentia Oppositorum« als einen christlich-spirituellen Weg aus dem irdischen Leben hin zur Einfachheit Gottes im Paradies gedacht. Somit verweist diese Stufe auf einen jenseitigen Zustand, den der Mensch4 nicht erfassen kann. Erst Unterscheidungen machen die Dinge begreifbar.

Nächstes Kapitel:
1. Aufgabe
X. Coincidentia Oppositorum
  • 1. Vergl.: Niklas Luhmann: »Unbeobachtbare Welt«, in: Niklas Luhmann / Frederik D. Bunsen / Dirk Baecker: »Unbeobachtbare Welt«, Bielefeld: Haux 1990
  • 2. Niklas Luhmann: »Das Medium der Kunst«, in: ders., Aufsätze und Reden, Stuttgart: Reclam 2001, S. 198—217.
  • 3. Vergl. Nikolaus von Kues: »De docta ignorantia I 13—16.« in: Marco Böhlandt: »Verborgene Zahl, verborgener Gott«, Stuttgart: Steiner 2009, S. 89—103.
  • 4. mit Ausnahme einiger vermeintlich Erleuchteter