Die ungeheure Form

Die ungeheure Form beschreibt denjenigen Formtyp, der Gestaltern wegen seines hohen Unschärfegrades als unbewältigbar erscheint. Die Geschichten über ihre mangelnde Wohl­geformtheit haben in der Gestalterzunft eine über Jahrzehnte gewachsene und nun zutiefst verwurzelte Abneigung gegenüber dieser Ungeheuer erzeugt. Und wie in allen Mythen der Weltgeschichte sind die Protagonisten dieses Schauspiels an Eigen­sinn kaum zu übertreffen. Dogmatisch verteidigen sie ihren Gestaltungsbe­griff gegen jede drohende Öffnung. Sie verbannen die aus ihrer Sicht ungeheuren Formen aus der Bandbreite des Gestaltbaren, obwohl sie, wie bereits dargelegt, in vielerlei Hinsicht für sie wie geschaffen sind. Der Grund für ihre Abneigung mag in den Eigenarten dieser Unschärfeformen liegen. Anders als bei klassischen Formen sind die Grenzen dieser ungeheuren Formen nicht eindeutig auszumachen. Darüber hinaus unterliegen sie infinalisierbaren Selbstreferenzen sowie permanenten dynamischen Veränderungs­prozessen, die es nahe zu unmöglich machen, sie zu fixieren. Sie verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf, ändern ihre Farbe und ihre Oberflächenstruktur sowie kurzum ihre komplette Erscheinung. All diese Eigenschaften wirken dem dringenden Bestreben von Gestaltern entgegen, die Dinge zu ordnen und sie an einem festen Platz zu fixieren. Man könnte meinen, dass Gestalter unter chronischem Form­vollendungs­zwang leiden, der es ihnen unmöglich macht, sich ungeheuren Formen anzunehmen.

Der kritische Unschärfegrad beginnt eindeutig mit der Polytelie. Bei der Verortung der ungeheuren Form in der Matrix ist eine erste kritische Grenze mit Problem­konstel­lationen der 7. Stufe erreicht. Während die Gestalter ihre Kompetenzen in der Behand­lung von Problemen der 6. Stufe voll zur Geltung bringen können, bereitet ihnen die 7. Stufe große Schwierigkeiten. Hier liegt die Herausforderung in der Integration anderer Sichtweisen, die zur eigenen im Widerspruch stehen. Tradierte teleo­nomische Verfahren stehen nun einem polytelischen Weltbild entgegen, in dem es kaum mehr möglich ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Bis zur 6. Stufe konnten teleonomische Methoden konfliktfrei verwendet werden, um diese Komplexität auf ein Maß zu reduzieren, das sie behandelbar macht. Die Einfältigkeit der Teleonomie kommt allerdings mit dem steigenden Maß an Vernetzung und sozialer Vielfalt nicht mehr zurecht. Der Versuch die auftretenden Widersprüche und Konflikte auszublenden, wird angesichts einer neuen höchst aufmerksamen Beobachterschaft nahezu unmöglich. Durch den vernetzten Computer kann die Qualität vermeint­licher Problembehandlungen in immer größeren Zusammenhängen betrachtet werden. Communities bewerten die Qualität nach ihren jeweils eigenen Suffizienzkriterien. Dem­nach muss die kritische Masse als Instanz, von vornherein in der Problem­behandlung mit­ berücksichtigt werden.

Allerdings scheint mir, als verlieren Gestalter mit der drohenden Notwendigkeit von Kompromiss­lösungen, ihre gestalterische Handlungsfähigkeit oder aber das Interesse an der Form.

Die Ungeheuerlichkeit der 8. Stufe geht mit einem hohen Maß an Kontrollverlust einher. Die Form entwickelt Eigenleben und beginnt, sich in fluidi­ziertem Zustand unintendierte Kontexte ein­zu­pflanzen. Dagegen tendieren Gestalter, meiner Beobachtung nach, zu einer intensiven Ausübung von Kontrolle. Es gehört zu ihrer Auffassung von Professionalität stets auf alle Teile des Prozesses zugreifen können. Diese Neigung ist in der Pro­duktion von Medien­formaten unabdingbar und be­deutet in diesem Kontext einen ausschlagge­benden Qualitätsfaktor. Im Kontext von Problem­räumen der Stufe 8, die per Definition unüber­schaubar sind, führt ein übermäßiger Kontrollwille lediglich zu Frustations­erlebnissen, die dann dauerhaft mit diesem Problemtyp in Verbindung gebracht werden.

Die mit der 9. Stufe verbundene Infinalisier­barkeit bereitet Gestaltern insofern Probleme, als dass sich die Probleme nicht mehr beenden lassen und damit auch nicht end­gültig lösen lassen. Das Ende der Behandlung muss eigen­ständig herbei­geführt werden, unabhängig davon, ob die Problembe­handler ihrem Ziel nähergekommen sind oder nicht. Anstatt auf eine Lösung hinzuarbeiten geht es hinsichtlich der Eigendynamiken vielmehr um die Entwicklung von Problem­behand­lungs­strategien, die das Ungeheuer in Schach halten, und somit auch den Status Quo. Die Verhältnismäßigkeit der Behandlung muss während des Prozesses ständig überprüft werden und auf ihre unbeab­sichtigten Auswirkungen hin überprüft werden. Die Gefahr, das vage Ziel in einem kappen Zeitraum zu ver­fehlen, macht eine Ausein­ander­setzung unattraktiv. Die Aussicht auf einen endlosen sowie mühsamen Prozess belastet das ohnehin schon gespal­tene Verhältnis von Gestaltern und Unschärfe­thematiken zusätzlich auf nachhaltige Art und Weise.

Das Problem lässt sich mit herkömmlichen Verfahren und Methoden nicht mehr formali­sieren. Probleme dieser Stufe unterscheiden sich deutlich von der Produktion klassischer Medienformate. Derartige Verfahren sind Gestaltern im Vergleich zu Unschärfepro­blematiken vollends geheuer, da sie ein ein­deutiges Ende des Prozesses bedeuten, an dem die Früchte des Schaffens in den Händen gehalten werden können. Die Heraus­forderungen, die mit diesen Ausein­ander­setzungen einhergehen, sind voll­kommen anderer Art als sie bei klassischen Gestaltungs­aufgaben zu finden sind. Die Frage lautet: Welche Eigenschaften und Einstellungen ermög­lichen dem Gestalter eine Annäherung an ungeheure Formen? Mit anderen Worten: Was braucht der Gestalter der »nächsten« Gesellschaft?

Ausblick auf den »nächsten« Gestalter

Das gigantische Finanzkrisenungeheuer, das im Jahr 2008 das Licht der allgemeinen Öffentlichkeit erblickte, konfrontierte die Entscheidungsträger mit einer Reihe alter­nativlos erscheinender Zwangs­selektionen. »So war es bei der Rettung der Banken (alternativlos) und bei der Rettung der Unternehmen […]. Und so ist es auch jetzt bei der Ret­tung des Euro. »Alternativlos« ist das Wort dieser Krise.«1 Mit ihm lassen sich zwar stets affektierte Entschei­dungen als not­wendig rechtfertigen, dennoch sollte seine Verwendung darüber hinwegtäuschen, dass eine Alternative vielleicht schlicht nicht gefunden wurde.

Gestalter haben dieser Alternativlosigkeit etwas entgegen zu setzen. Es ist an der Zeit darüber nachzudenken, konventionelle Entscheidungsverfahren um prototypische Verfahren, wie sie Gestaltern zu eigen sind, zu erweitern, um auf diesem Wege
Unschärfe in laufende Behandlungsprozesse zu integrieren. Gestalter sind prädestiniert für die Entwicklung von Modellen, die in ihrem Wesen zukünftige Szenarien vorwegnehmen, diese früh­zeitig begreifbar machen und so die Möglich­keit einer alternativen Weichen­stellung erlauben. Mit der endgültigen Verabschiedung der Idee des Telos, dem immanten Daseinszweck der Menschen und Dinge, gewinnt die Modellhaftigkeit in der »nächsten« Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Wenn unsere Position in der Welt nicht vorge­schrieben ist, heißt das zwangs­läufig, dass wir sie uns eigenständig erarbeiten und in einem multiperspek­tivischen Gefüge mit anderen in Verhältnis setzen müssen. Es geht darum, den hypothetischen Charakter jedes Entwurfs sowie die Relativität der eigenen Anschauung zu erkennen, selbst wenn diese sich als Wahrheit verkleidet anbiedert, und demnach die andere Möglichkeit als grundsätzlich gleichwertig zu behandeln und sich dennoch im Wissen, dass man höchstwahrscheinlich falsch liegt, zu entscheiden.

Auf diesem Weg ist es von entscheidender Be­deutung einen neuen Zugang zum Phänomen, der ungeheuren Formen zu bekommen. Es geht darum, sie nicht mehr als unheilvolle Ansammlung von Unwägbarkeiten anzusehen, sondern zu lernen, mögliche Potentiale aus ihnen abzuschöpfen. Ungeheure Formen sind bei aller Unzugäng­lichkeit auch Produzenten von Zufällen und Kontexten, die es gilt, zu entdecken und für bestimmte Zwecke nutzbar zu machen. Zusätzlich zum Bestreben der Unschärfe Kontur abzuringen, könnten Gestalter zudem versuchen, die Unschärfe zur Generierung kommunikativer Anschlüsse zu gebrauchen.

Über diese flexible Haltung ist es möglich einer immer undurchsichtigeren Gesell­schafts­formation auf innovative Weise anschluss­fähig zu bleiben. Nur so werden Gestalter, die die Dinge als gegeben ansehen und sie lediglich zu sortieren versuchen, aus der reagierenden Haltung zurückfinden zu einer kreativen Form von Agitation. Er »kann Prinzipien der Arbeits­teilung und Kompetenz­verteilung lockern und […] auf Phantasie­zündung durch Störung setzen.2 In diesem Gefüge ist Planung unbrauchbar geworden, da die Planungsparameter schnellen und gravierenden Veränderungen unterworfen sind. Anstatt zu planen müssen Gestalter wieder lernen auszuprobieren, in dem sie prototypische Verfahren zur Tatsachen­erzeugung nutzen. In spontanen Gesten werden komplexe Modelle erschaffen, umso das Chaos, die Unruhe und Unschärfe vor deren Eintritt simulieren zu können.

In diesem Zusammenhang ist eine Anpassung des gestalterischen Selbstverständnisses sowie deren Qualitätskriterien notwendig. Leider sind Gestalter furchtbar unkreativ in der Innovation ihrer Pro­fessionalität. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass Gestalter einen entscheidenden Schritt in Richtung nächster Gesellschaft machen, wenn sie anfangen, ihre Expertise über Themen anstatt über Medienformate aus­zudifferenzieren. Die Verhaftung an ein spezielles Format bedeutet stets eine Einschränkung des Möglichkeitenspektrums. Gestalter scheinen in ihren Formaten gefangen zu sein. Meterhohe Mauern versperren die Sicht auf potentielle Gestal­tungsfelder, die an einer grund­sätzlichen Problembehandlung ansetzen. Durch die Selbstbeschränkung in Medienformaten ist der Gestalter an den Rahmen der Möglich­keiten, die das Medium bietet, gebunden. An den Formatkanten seines Mediums endet seine Welt.

Um den Anschluss in der »nächsten« Gesellschaft nicht zu verlieren, ist folglich ein weltoffener Gestaltungsbegriff dringend notwendig. Die Arbeit der Gestalter wird nicht damit getan sein, die Dinge zu ordnen, und auf Medienformaten zu fixieren. Wenn Gestalter weiterhin sinnstiftende Beiträge zu zukünftige Problemen leisten wollen, führt kein Weg daran vorbei, ihre gestalterische Schaffens­kraft mit den ungeheuren Heraus­forderungen der »nächsten« Problem­stellungen ins Verhältnis zu setzen. Das Streben nach der vollendeten Form wird durch die Schaffung von Anschluss­fähigkeiten ersetzt werden. Dabei kann es nicht darum gehen sich am Möglichen zu orientieren und die Welt, wie sie ist, als Sachzwang hinzunehmen. Statt­dessen geht es um eine radikale Orientierung am Un­möglichen, um der Welt in der Aus­ein­ander­setzung mit kühnen Hypothesen und wagemutigen Entwürfen, neue Möglichkeiten abzuringen.

Dass sich aktuell eine Entwicklung hin zur einer »nächsten« Gesellschaft vollzieht steht außer Frage. Fraglich ist lediglich an welchen Stellen Gestalter Anknüpfungspunkte finden werden und inwiefern es ihnen möglich sein wird, sich in die glückliche Lage zu versetzen, aufkommenden Ungeheuern eine Umarmung zu schenken.

Nächstes Kapitel:
Anhang
  • 1. Marc Brost: »Ohne Alternative?«, Die Zeit, 16.12.2010 Nr. 51
  • 2. Dirk Baecker: »Postheroisches Managemant« Berlin: Merve 1994, S. 142