Gestaltung und Probleme

Beim Versuch, sich dem Begriff der Gestal­tung zu nähern, stellt man fest, dass er einem sehr heterogenen Bedeutungs­spektrum unterliegt. Gestaltung wird zunächst einmal als ein kreativer Schaffens- und Produktions­prozess gedeutet. Das Medium der Verände­rung erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen vielfältig. Zunächst einmal gibt es das materielle Objekt oder den Raum, der zum Gegenstand einer bestimmten Bearbeitung wird, wie beispielsweise im Produktdesign, in der Grafik oder bildenden Kunst. Hierbei wird der formgebende Aspekt des klassischen Gestaltungsbegriffes sichtbar.1 Dieser hat jedoch die Fixierung auf das Dingliche bereits hinter sich gelassen. Unlängst geht es in anderen Metiers um die Gestaltung von Handlungen, Prozessen, Gemeinschaften und Gedanken. Die thera­peutische Psychologie gestaltet Persön­lich­keit­sstrukturen und Beziehungs­verhältnisse. Die Architektur baut nicht nur, sondern gestaltet und organisiert nicht zuletzt menschliches Zusammenleben. Kurzum: Gestaltung ist überall dort zu finden, wo eine bewusste Veränderung herbeigeführt werden soll. Die zuletzt verwendete Formulierung weist auf den intentionalen Charakter eines Gestaltungszusammenhangs hin. Grund­bedingung für Gestaltung ist zunächst das Streben nach einer Veränderung hinsichtlich eines bestimmten Zustandes. Gestaltung geht mit der Absicht einher, einen aktuellen Ist-Zustand in einen intendierten Sollzustand zu überführen, dass heißt die Realität mit einem Ziel auf eine bestimmte Weise in Deckung zu bringen. Ohne die Differenz dieser beiden Zustände gibt es nichts, was man gestalten könnte.

Probleme

An dem Punkt, in dem es um die Feststellung einer Differenz von Realität und Ziel geht, gelangt die Problemtheorie zu ent­scheidender Bedeutung. Ein Problem liegt dann vor, wenn ein Sachverhalt eine Differenz zwischen Realität und Zielzustand aufweist, wobei die Mittel oder Operationen zur Über­windung dieser Differenz unbekannt sind oder nicht zur Verfügung stehen.2 Die vermittelnde Operation muss vom Problem­behandler, den ich im weiteren Verlauf »Akteur« nenne, neu entwickelt werden, um »die Unterschiede zwischen Zielen und Realitäten zu verringern. Offen bleibt zunächst, ob man die Ziele an die Realität heranführt, oder die Realität an die Ziele. Gleichzeitig bedeutet das, dass man andere Differenzen zugleich vergrößert und ver­stärkt.«3 Eine angestrebte Veränderung in Form des Ausgleichs der Differenz von Wirk­lichkeit und Zielzustand unter unbekannten Bedingungen ist die Beschreibung eines Sachverhaltes, der zum einen auf Probleme zutrifft und zum anderen die Voraussetzung für Gestaltung bedeutet. Diese Differenz in Verbindung mit unbekannten Operatoren definiert demnach ein Problem als eine für Gestaltung konstitutive Bedingung. Dies lässt den Schluss zu: Gestalter behandeln Probleme.

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Problem- und Designforschung
  • 1. Vergl.: Uta Brandes: Gestaltung, in: Michael Erlhoff / Tim Marshall (Hgg.): Wörterbuch Design, Basel / Boston / Berlin: Birkhäuser 2008, S. 176
  • 2. Dietrich Dörner: »Problemlösen als Informationsverarbeitung«, Stuttgart: Kohlhammer 1975, S. 10
  • 3. Siehe Niklas Luhmann: »Die Grenzen der Steuerung« in: »Die Wirtschaft der Gesellschaft«, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, S. 323—349