Prolog

Eines Nachts verirrte sich die Gestaltung im Wald. Sie geriet ins Stocken, stolperte und blieb schlussendlich stehen. Wäre sie doch bloß nicht aufgebrochen. In unbestimmbarer Entfernung hörte sie das Ungeheuer. Es kam näher. Nebel zog auf.

Diese Arbeit ist meiner Beobachtung geschuldet, dass zwischen den derzeitigen gestalterischen Arbeitsfeldern und dem theoretisch Gestaltbaren eine eklatante Lücke klafft. Die auf theoretischer Ebene bereits vollzogene Öffnung des Gestaltungsbegriffes hin zu einer non-linearen Vermittlungs­kompetenz findet nur mühsam Einzug in die Köpfe und Werke aktiver Gestalter. Diese scheinen eine Erweiterung ihrer Metiers kategorisch abzulehnen, indem sie sich jammernd bis aggressiv an Traditionen, Konven­tionen, Formen sowie an bewährte Medien­formate klammern. Die etablierte Szene versucht krampfhaft, neue potentielle Arbeitsfelder aus dem Dunstkreis ihres Wirkens zu verbannen und sich in soziale Eliten zu flüchten, in denen sie Gefahr laufen, sich von der Welt zu ent­fremden und ihren Bezug zur Lebens­wirklichkeit ihrer Mit­menschen zu verlieren. Entgegen dieses Trends haben Designforscher und Theoretiker den Designprozess unlängst als ausge­sprochen fruchtbar in der Bearbeitung komplexer Unschärfefiguren heraus­gearbeitet, die besonders häufig in sozialen Gefügen auftreten. Eigentlich sollte man meinen, dass sich ein jeder Gestalter aus seinem Selbst­verständnis heraus der Innovation verpflichtet fühlt, wird aber dagegen das Gefühl nicht los, dass es zuvor schwerwiegende Berührungs­ängste in Bezug auf unscharfe Problem­konstellationen zu überwinden gilt.

Angesichts des rasanten gesellschaftlichen Wandels wäre eine schleunige Annäherung an Unschärfekonstellationen aus gestalte­rischer Sicht dringend notwendig. Als wäre das bestehende Maß sozialer Undurchsichtig­keit nicht genug, deuten aktuelle soziolo­gische Untersuchungen darauf hin, dass die aufkommende Konturlosigkeit und die damit verbundene Unruhe auf die Einführung von neuartigen Kommunikationsmitteln als Leitmedium zurückzuführen ist. Es ist davon auszugehen, dass die Gesellschaft in Zukunft vermehrt infinalisierbare sowie konturlose Informationsfiguren hervorbringen wird, auf die es eine angemessene Antwort zu finden gilt. Die digitalen Medien, insbesondere der vernetzte Computer, werden uns neuartige Strukturenformen abverlangen, die es uns ermöglichen sollten, mit dem Überangebot an Möglichkeiten sinnvoll umzugehen und so unsere Überforderung im Zaun zu halten. Nicht zuletzt sind an dieser Stelle Gestalter gefragt, die in Abgrenzung zum Techno­kratismus sinnvolle Beiträge leisten.

In der Konfrontation mit dieser Entwicklung ist auch der Gestalter schlussendlich in der Moderne angekommen und wird dement­sprechend mit für ihn neuen Heraus­forderungen konfrontiert. Die Auseinander­setzungen mit marodierenden Informationen, polytelischen Sachverhalten, Infinalisier­barkeiten, Selbst­referenzen, Irreversibili­täten und Mehrwertig­keiten entziehen sich einer klaren Einordnung in gängige Kategorien. Das Unbehagen seitens der Gestalter ist in Anbetracht der zahlreichen Unwägbarkeiten, die diese Veränderung mit sich bringt, voll­kommen natürlich. Konturlose Formen sind für die tradierte Gestalterzunft unbegreiflich und damit unbehandelbar. Sie erscheinen dem Gestalter als gespenstisches Phänomen, als Ungeheuer, für die sie sich nicht verantwortlich fühlen wollen.

Diese Arbeit soll niemandem vorschreiben, wie der Gestaltungsbegriff auszulegen ist. Mein Interesse besteht lediglich darin, die Grenzen des Gestaltbaren abzustecken und innerhalb des ausgeloteten Spektrums über die modell­hafte Ausdifferenzierung der Unschärfe­abstufungen Möglichkeiten aufzuzeigen, an diese ungeheuren Formen anzuschließen. Um Gestaltern einen formalen Zugang zu dieser komplexen Unterteilung zu ermöglichen, werde ich durch die Model­lierung der Form der jeweiligen Stufe im Sinne eines theore­tischen Objektes1 eine Vermittlungs­leistung zwischen Theorie und Praxis anregen. Die »nächste« Gesellschaft macht es nötig, sich auf diese oder andere Art an die ungeheure Form anzunähern, sie zu begreifen und das Ungeheuer vielleicht sogar umarmen zu lernen.

Nächstes Kapitel:
Gestaltung und Probleme
  • 1. Vergl.: Bazon Brock: in Gottfried Fliedl / Ulrich Giersch / Martin Sturm / Rainer Zendron (Hgg.): »Wa(h)e Kunst. Der Museumshop als Wunderkammer. Theoretische Objekte, Fakes und Souvenirs«, Frankfurt a. M.: Anabas Verlag 1996, S. 17