Unschärfe

Was sind unscharfe beziehungsweise kom­plexe Problemkonstellationen, für deren Bearbeitung Gestalter prädestiniert zu sein scheinen?

Bösartige Probleme

Den Grundstein in der Untersuchung von Unschärfeproblematiken setzte Horst Rittel 1972. Der Designer erkannte die Schwierigkeit von Planungsproblemen und verband die mathematisch-ingenieurwissenschaftliche Sicht auf Probleme mit gesellschaftlichen Aspekten. Unter dem Terminus des »Bösartigen Problems«1 stellt er die klassische rationale Problemlösungstrategie für soziale Problematiken in Frage, indem er sie bezüglich der Vernetztheit gesellschaftlicher Strukturen und der damit einhergehenden Instabilität der Problemelemente für unbrauchbar erklärt. Diese könnten nur in rekursiven sowie nicht-linearen, Behand­lungs­verfahren, wie sie Gestalter verwenden, zu einem suffizienten Ergebnis führen.2 Sein Aufsatz »Dilemmas in a General Theory of Planning« erweiterte den gestalterischen Kontext um die soziale Dimension und wird nunmehr nach 30 Jahren in den aktuellen Designforschungsansätzen aufgeriffen. Er formulierte die 10 Kriterien seiner »bösartigen« Probleme wie folgt:

  1. There is no definitive formulation of a wicked problem (defining wicked problems is itself a wicked problem).
  2. Wicked problems have no stopping rule.
  3. Solutions to wicked problems are not true-or-false, but better or worse.
  4. There is no immediate and no ultimate test of a solution to a wicked problem.
  5. Every solution to a wicked problem is a »one-shot operation«; because there is no opportunity to learn by trial and error, every attempt counts significantly.
  6. Wicked problems do not have an enumerable (or an exhaustively describable) set of potential solutions, nor is there a well-described set of permissible operations that may be incorporated into the plan.
  7. Every wicked problem is essentially unique.
  8. Every wicked problem can be considered to be a symptom of another problem.
  9. The existence of a discrepancy representing a wicked problem can be explained in numerous ways. The choice of explanation determines the nature of the problem‘s resolution.
  10. The planner has no right to be wrong (planners are liable for the consequences of the actions they generate).

 

Das Soziale ist seither zunehmend in gestalterische Sphären eingedrungen. Neben neuartigen Studiengängen und Symposien, die sich mit diesem Thema befassen, gibt es vermehrt theoretische Auseinandersetzungen über die Funktion, Verantwortung und Bedeutung von Gestaltung in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft.

Die nächste Gesellschaft

Es ist unbestritten, dass die Einführung des vernetzten Computers einen prägenden Einfluss auf das Kommunikationsverhalten und damit auch auf das menschliche Zusammenleben hat. Dirk Baecker beschreibt die Einführung des Computers gar als kulturelle Katastrophe, da die entstandene Informationsflut mit der aktuellen Kulturform nicht mehr zu bewältigen ist. Demnach befinden wir uns in der Übergangsphase von der Buchdruckgesellschaft in die nächste Gesellschaft,3 die Computergesellschaft. Das äußert sich vor allem darin, dass durch dieses neue Medium mehr Kommunikations­möglich­keiten zur Verfügung stehen, als wir bewältigen können und somit übrfordert sind. Der damit produzierte nicht mehr reduzierbare Überschusssinn fordert der Gesellschaft neue Strukturen ab. Mit dem Verlust des aktuellen teleologischen Stabilisierungsmodus,  verlassen wir unser gewohntes Terrain und begeben uns in die soziale Orientierungslosigkeit, die mit
einem hohen Maß an kommunikativer Überforderung einhergeht. »Die nächste Gesellschaft […] wird in allen ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden und von dort aus einen flüchtigen Blick zu wagen auf die Verhältnisse, die man dort vorfindet.«4 Unsere aktuellen Strukturmaßnahmen reichen nicht mehr aus, um diese unsere Überforderung abzuwenden.

Die Prognose ist eindeutig: Die nächste Gesellschaft wird kommen und zunehmend Unschärfen hervorbringen, formgewordene Dunstkreise, deren transluzente Grenzen instabil und verschwommen vom Beobachter mehr erahnt als klar verortet werden können. Wie Irrlichter tauchen sie unvorhersehbar vor uns auf, um sogleich wieder zu ver­schwinden. Ihre Konturlosigkeit lässt sie unbestimmt durch Raum und Zeit ziehen und auf allen Ebenen in unser Leben dringen. Dort schreien sie nach Beachtung und fordern unsere Reaktionen ein. Ihr Wesen entzieht sich jedweder Einordnung in den Gesamt­zusammenhang, so dass wir genötigt werden, sie zu bewerten, hoffentlich wohlwissend, dass wir mit an Sicherheit grenzender Wahr­scheinlichkeit mit dieser Bewertung falsch liegen, diese jedoch trotzdem nötig ist, um weiter voranzuschreiten.

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Verortung
  • 1. englisch: »Wicked Problem«
  • 2. Horst Rittel / Melvin Webber: »Dilemmas in a General Theory of Planning« Stuttgart 1972 in: »Planen, Entwerfen, Design«, Stuttgart: Verlag Kohlhammer 1992, S. 30
  • 3. Siehe Peter Drucker: »The Next Society: A Survey of thr Near Future«, in: The Economist, November 3rd 2001, wiederabgedruckt in: »Managing in the Next Society«, New York: St. Martin’s Griffin, S. 233—299, in: Dirk Baecker: »Studien zur nächsten Gesellschaft«, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 8
  • 4. Dirk Baecker: »Studien zur nächsten Gesellschaft«, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 8